Literarische Geschlechtsumwandlung

Mehrfach wurde heute auf Facebook dieser Artikel geteilt. Die Autorin Catherine Nichols erzählt hier, wie sie eine Schreibblockade überwand, indem sie Agenten ein Projekt unter männlichem Pseudonym anbot. Dasselbe Manuskript war zuvor unter ihrem richtigen Namen vielfach abgelehnt worden, zumeist mit der Begründung, es sei zwar schön geschrieben, aber die Protagonistin agiere nicht beherzt genug. Eine Kritik, die Nichols an ihren Fähigkeiten zweifeln ließ und die besagte Schreibblockade auslöste. Nun, da sie sich von Catherine in George verwandelt hatte, erschien den Adressaten der Text mit einem Mal klug, gut konstruiert und aufregend und wurde mehrfach angefordert.

Redlich bis zur Selbstaufgabe zieht Nichols aus dieser Entwicklung keine Vorteile bis auf einen: Sie korrigiert ihre Selbsteinschätzung, bezieht das Lob, das Georges Text einbringt auf sich und überwindet dadurch ihre künstlerische Krise.

Nun ist es ja nichts Neues, dass Männer auch und gerade im kreativen Bereich anders und leider allgemein besser beurteilt werden als Frauen. Das mag daran liegen, dass sie tatsächlich in der Minderzahl sind. Überrascht über diese Diagnose? Männer sind natürlich nicht unter den Erfolgreichen, sondern unter den Schaffenden in der Minderzahl. Wieviel mehr Frauen als Männer malen oder schreiben oder – ja! – kochen ihr ganzes Leben lang? Was als Hobby freundlich betrachtet und gern auf eine Ebene mit dem Häkeln dekorativer Topflappen gestellt wird, ist in meinen Augen ebenso oft unerkannte Kunst wie nicht.

Ein Mann hingegen, der sich nach einem harten Arbeitstag oder gar exklusiv unter heroischer Negation wirtschaftlicher Notwendigkeiten der Kunst widmet, muss ernst genommen werden. Er opfert schließlich wertvolle Freizeit oder gar eine Karriere. Das täte er wohl kaum, wenn es die Sache nicht wert wäre.

Schreit nur auf! Mir ist natürlich klar, dass meine Darstellung vereinfachend ist. Dennoch existiert dieser latente Sexismus. Nicht nur bei Männern. Auch Frauen beurteilen die Errungenschaften ihrer Geschlechtsgenossinnen oft weniger wohlwollend. Wir haben das einfach zu lange gelernt. Männer werden noch immer oft bewundert, wenn sie sich überwiegend um ihre Kinder kümmern. Auch hier opfern sie ja etwas angeblich Wichtigeres, während Frauen nur ihre althergebrachte Pflicht erfüllen. Und genau so wird auch in der Literatur mit zweierlei Maß gemessen. Die sensible und lebensnahe Darstellung einer weiblichen Protagonistin durch einen männlichen Autor bringt ihm Literaturpreise ein, während es sich bei einer Frau von selbst versteht, dass sie in der Lage ist, sowohl Männer als auch Frauen in ihrer Gefühlswelt überzeugend darzustellen. Schließlich sind Frauen seit jeher für Emotionen zuständig.

Aber was mache ich mit diesen Erkenntnissen? Lege ich mir ein männliches Pseudonym zu, wie es andere erfolgreich vorgemacht haben? Die großartige Krimiautorin Fred Vargas ist hier nur ein Beispiel. Wäre eine falsche männliche Identität eine subversive Handlung – vorausgesetzt man klärt die Sache im Erfolgsfall auf – oder ein Akt totaler Resignation gegenüber den herrschenden Verhältnissen? Gar Verrat am eigenen Geschlecht? Was, wenn nun alle Autorinnen plötzlich unter männlichem Pseudonym publizieren? Würde sich da nicht endlich die wahre Qualität der Bücher erweisen? Edler wäre natürlich eine Solidaritätsaktion der männlichen Kollegen. Andreas zu Andrea, Tom zu Tanja usw. Aber da wird die Angst vor Entmannung davor sein. Dabei könnt ihr euren Penis wirklich gerne behalten, der gefällt uns an euch! Wir wünschen uns nur dieselbe Wertschätzung.

Kann natürlich auch sein, dass das alles nur Zufall ist und ich gerade überempfindlich reagiere, weil bald die Regel kommt. (Achtung, ihr Ahnungslosen! Sexistische Falle!) Ziemlich sicher allerdings wird es schon morgen einen Test auf Facebook geben, der mir nach meinem indianischen, keltischen oder intergalaktischen Namen auch den verraten wird, den ich als erfolgreicher Autor trüge.

Was meint ihr zur literarischen Geschlechtsumwandlung?

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8 Antworten zu Literarische Geschlechtsumwandlung

  1. annekuhlmeyer schreibt:

    Hat dies auf Wort & Tat rebloggt und kommentierte:
    Mäner & Frauen – und wie sie sich literarisch unterscheiden. Ein treffender Text von Gudrun Lerchbaum.

  2. HeidiK schreibt:

    Bodo Kirchhoff hat gemeint, schreibende Frauen würden bevorzugt und hat als Odette Haussmann ein Theaterstück verfasst. Charlotte Brontë hat als Currer Bell versucht zu veröffentlichen. Nora Joyce hat wahrscheinlich längere Textpassagen von Ulysses geschrieben. Es gibt noch weitere Beispiele in der Literatur. Das ist also nichts Neues.

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Sag ich ja. Aber die Frage ist: Wie geht man damit um? Wie würdest du handeln?

      • dchubbard2012 schreibt:

        Liebe Gudrun, alles was du geschrieben hast, finde ich treffend. Nicht umsonst unterschreibe ich mit D C …. Also ein wenig geschlechtsneutral. Für J K hat es auch funktioniert.
        Dennoch wissen wir doch alle: Frauen schreiben Unterhaltung, Männer Literatur.

  3. 500woerterdiewoche schreibt:

    Traurig. Und irgendwie ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.

    Ich würde mir trotzdem kein männliches Pseudonym zulegen – im Gegenteil, sollte ich (entgegen aller Erwartungen) jemals einen Roman fertigstellen, einreichen und dann abgelehnt werden, kann ich mein zartes Ego jetzt mit dem Argument „sind ja eh alles Sexisten“ schützen 😛

    Natürlich muss diese Entscheidung jede für sich selbst treffen (und jeder – mir gefällt deine Idee des solidarischen Pseudonyms für Männer). Ich kann Autorinnen verstehen, die lieber unter einem anderen Namen oder mit geschlechtsneutralen Initialen publizieren. Nur ich persönlich sage halt lieber „dann leckt mich doch: entweder ihr nehmt mich als Frau, oder ihr verliert mich als Autorin“.

    Das ist aber bestimmt leichter zu sagen, wenn man nicht vom Schreiben leben will…

  4. Marianne Albertsen schreibt:

    Das Thema behandelt Siri Hustvedt in ihrem neuesten Buch „Gleißende Welt“. Bei ihr ist es eine Malerin, die ihre Werke männlichen Kollegen unterjubelt. Mir wäre es nicht gerade egal unter welchem Namen meine Arbeiten veröffentlicht werden. Aber als letztes Mittel würde ich es ebenfalls probieren.

  5. gudrunlerchbaum schreibt:

    Das Buch wird mir jetzt schon zum zweiten Mal empfohlen, will also offenbar dringend von mir gelesen werden. Danke!

  6. Pingback: Coole Blogbeiträge Woche 32 – Sommersammler

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