Wie man sich mit Anstand bestehlen lässt

 

Weihnachten ist, ob man das mag oder nicht, die Zeit der Geschenke. Diese müssen durchaus nicht immer materieller Natur sein. Als Betreiberin eines Blogs freut man sich beispielsweise immer über positives Feedback. Fast immer.

In der zweiten Adventwoche begab es sich, dass eine Nachricht der Betriebsratsvorsitzenden eines multinationalen Konzerns mit einem Jahresumsatz im mehrstelligen Milliardenbereich bei mir eintraf, die ein Loblied auf einen bereits länger zurückliegenden Artikel in diesem Blog sang. Management by Fear mit Bier hatte es der Schreiberin so sehr angetan, dass sie den Text, leicht angepasst, für das Editorial ihres Betriebsrat-Newsletters verwenden wolle.

Genau so hatte ich mir das vorgestellt. Gute Texte finden ihren Weg, heißt es des Öfteren vonseiten überarbeiteter Lektoren auf die Frage, wie sie sicher sein könnten, keinen potentiellen Bestseller zu übersehen. Ob Dollar- oder Eurozeichen in meinen Augen aufblinkten bei der Erwähnung des jedermensch bekannten Konzernnamens? Ich weiß es nicht mehr. Gut in Erinnerung habe ich hingegen, wie mir der letzte Absatz des Schreibens das Lächeln aus dem Gesicht trieb.

Originalton: Meine Frage an Sie: Haben Sie ein Problem damit, wenn die angelehnte Geschichte nicht auf Sie verweist? Ehrlich gesprochen: Es würde in einem Editorial etwas komisch aussehen, wenn darunter stünde: Copyright oder in Ahnlehnung (sic) an Gudrun Lerchbaum – auch wenn Ihre Idee und Ihre Kreativität durchaus zu würdigen sind.
Leider gibt es bei uns für die Verfasser von Beiträgen kein Honorar 😉  Ich kann Ihnen nur versprechen, die „Venezianerin und der Baumeister“ zu kaufen, sobald das Buch erschienen ist…

Was es mit der Anlehnung an meinen Artikel auf sich hatte, darüber gab der freundlicherweise angehängte Text Aufschluss. Die engagierte Personalvertreterin hatte das von mir geschilderte Erlebnis inklusive der daraus gezogenen Schlüsse wörtlich beibehalten und lediglich einige Formulierungen am Anfang ausgetauscht bzw. ergänzt. So wurde bei ihr statt Bier Wein getrunken.

Der Dieb klopft also freundlich an die Tür und fragt: Hätten Sie ein Problem, wenn ich ihr Auto stehle? Ich muss natürlich das Nummernschild austauschen, damit nicht jeder gleich erkennt, dass es nicht mir gehört. Eine ziemliche Frechheit, könnte man meinen. Doch immerhin hatte die Dame eine Gegenleistung, nämlich den Kauf meines in Kürze erscheinenden Buches zum Preis von 9,90 angekündigt, von dem mir rund 50 Cent Autorenhonorar zufließen werden.

Hm.

Nach anfänglich großem Ärger rührten mich die Ahnungslosigkeit und das mangelnde Problembewusstsein der Betriebsrätin. Ich schrieb ihr zurück, dass ich dieser unentgeltlichen Aneignung meines Eigentums naturgemäß nicht zustimmen könne, zumal sie vom Unternehmen dann für von mir geleistete Arbeit bezahlt würde, ich hingegen nicht. Ich gestattete ihr aber, in weihnachtlich gestimmter Großzügigkeit, den Artikel im Original und selbstverständlich unter meinem Namen zu veröffentlichen. Sie könnte ja eine Passage folgenden Inhalts voranstellen: Ausnahmsweise spare ich mir in diesem Editorial eigene Worte, da die Autorin Gudrun Lerchbaum in ihrem Blog ein Erlebnis beschrieben hat, das Eins zu Eins in unserem Konzern stattgefunden haben könnte. Als Gegenleistung erwarte ich mir, dass sie in ihrem Newsletter mein Buch vorstelle und selbstverständlich auf meinen Blog verlinke.

Nachdem einige Tage ohne Antwort vergangen waren, fragte ich nach, ob sie sich für die von mir skizzierte Variante hätte entscheiden können, da ich ihre Reaktion für diesen Blogartikel benötige.

Es sei schon eigenartig, antwortete die Betriebsrätin deutlich beleidigt, welche Wendung die Geschichte genommen hätte. Sie hätte immerhin gefragt, hätte ja meinen Text auch einfach so nehmen können, nun wäre sie auch noch gezwungen, sich selbst ein Editorial aus den Fingern zu saugen und angesichts der Tatsache, dass es von der Wahrscheinlichkeit einem Lottogewinn gleichgekommen wäre, dass ich ihren Newsletter in die Finger bekommen hätte, solle ich mir einmal Gedanken zum Thema Anstand machen.

Eine großartige Anregung! Beginnen wir mit einem kleinen Ratespiel zum Thema: Ein großer deutscher Autokonzern hat Jahre in die Entwicklung eines neuen Fahrzeugmodells gesteckt. Kurz nachdem es auf den Markt kommt, bringt ein fernöstlicher Autohersteller unter eigenem Namen ein identisches Modell in den Handel, eine eindeutige Kopie. Der deutsche Konzern verklagt den Nachahmer wegen Urheberrechtsverletzung. Die Betriebsratsvorsitzende sagt dazu:

  1. Der fremde Konzern hätte vorher fragen müssen!
  2. Die Klage ist unberechtigt und deutet auf mangelnden Anstand hin.
  3. Die Klage ist gerechtfertigt. Es handelt sich um Diebstahl und damit um eine Straftat.

 

Andere Artikel zum Thema Urheberrecht

Initiative Ja zum Urheberrecht
Claudia Toman: Geiz ist peinlich – Warum eine Apfeltasche mehr wert ist als ein Roman
Nina George: Fans, Spießer, nette Leute: ePiraten sind auch nur Menschen
Ricarda Ohligschläger: Ich habe ein schlechtes Bauchgefühl

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Glossen, Schreiben abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

22 Antworten zu Wie man sich mit Anstand bestehlen lässt

  1. rocknroulette schreibt:

    oh man, das wäre zum totlachen, wenn es nicht so traurig wäre!!

  2. Elis Fischer schreibt:

    Ich bin so angetan von Ihrer Arbeit, dass ich den Kuchen leicht angepasst – ich gebe das Logo unseres Konzerns drauf, damit es so aussieht, als ob ich ihn gebacken hätte -, für die Weihnachtsfeier verwende. Bezahlen kann ich nichts, aber ich kaufe morgen ein Semmerl in ihrer Bäckerei.

    Was?! Sie wollen etwas für Ihre Arbeit? Aber der Kuchen ist ja eh schon fertig! Ich hätte auch in der Nacht ins Geschäft einbrechen und ihn stehlen können, aber ich hatte so viel Anstand Sie zu fragen, ob ich ihn gratis haben kann. Und – wo ist ihr Anstand geblieben?!

  3. gudrunlerchbaum schreibt:

    Auch ein gschmackiges Beispiel 🙂

  4. Elis Fischer schreibt:

    Bin halt eine Foodbloggerin 🙂

  5. Theophilus schreibt:

    Die Krönung ist wirklich, dass dies von einem Betriebsrat kommt, der sich ansonsten dafür einsetzt, dass Werktätige angemessen bezahlt werden …

  6. Krystan schreibt:

    Sie wird vermutlich ohne Bezahlung für ihre Firma arbeiten.
    Wobei es würde dem Konzernumsatz bestimmt helfen, wenn in Zukunft alle Manager, Aufsichtsräte und Betriebsräte ehrenamtlich arbeiten würden. 🙂

  7. Ann-Bettina schreibt:

    Das ist wirklich super dreist. Und dann noch von einer Betriebsrätin! Aber wahrscheinlich ist Schreiben für sie keine Arbeit, außer wenn sie es selber tun muss.

  8. Die Begründungen der potentiellen Diebin sind ja originell! Und da mosere ich rum wegen ein paar Dutzend kopierter Texte, von denen ich immerhin die Originale unterdurchschnittlich gut bezahlt bekommen habe? Pfffft, schäm Dich Claudia! Jep. 🙂

  9. Oliver Uschmann & Sylvia Witt schreibt:

    Du warst viel zu anständig. Du hättest den Namen und die Firma der potentiellen Diebin hier veröffentlichen sollen.

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Davon hätte ich nichts und es brächte mir nicht einmal Befriedigung. Es wäre bloß kleinliche Rache für eine Missachtung, denn es ist ja nichts rechtlich Relevantes geschehen.
      Zu anständig? Das klingt für mich nicht nach Kritik. Ich bin wohl nicht zufällig dort gelandet, wo ich bin und nicht ein Big Player in Wirtschaft oder Politik.

  10. freiedenkerin schreibt:

    Ich will gar nicht wissen, was von meinem Blog an Bildern und Texten schon alles geklaut worden ist… Zwei Bilderdieben bin ich – eher per Zufall – bereits auf die Schliche gekommen. Ich hatte Glück, die Beiden entfernten nach einem gewaltigen Donnerwetter meinerseits die abgekupferten Aufnahmen.

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      ich habe mir auch schön öfter vorgenommen, einmal stichprobenartig zu suchen, wo meine Texte im Netz auftauchen. Zumal ich ja meine Limericks habe, die oft über Stichwortsuche gefunden werden … Aber es ist so eine unerfreuliche Arbeit und bisher hatte ich immer etwas Erfreulicheres zu tun.

  11. 500woerterdiewoche schreibt:

    Ups, ich glaube, ich habe das Wort „Anstand“ Zeit meines Lebens falsch verwendet. Vielen Dank, liebe Betriebsratsvorsitzende, dass Sie mich über die korrekte Definition aufgeklärt haben!

    Zum Kopfschütteln. Oder zum Kotzen, aber ich habe gerade so lecker gegessen, dass ich mir das von der da nicht verderben lassen will. In jedem Fall einfach nur traurig und ein Armutszeugnis für die Dame. (Liest sie mit? Huhu, Frau Betriebsrätin! *wink* Bin ich froh, dass ich nicht in Ihrem Laden beschäftigt bin, denn bei Ihrer Einstellung gegenüber der Arbeit anderer Leute kann ich mir vorstellen, wie „gut“ sich Ihr Betriebsrat für die Belange der Arbeitnehmer einsetzt…)

    Ein Gutes hat die Sache: So habe ich dein „Management by Fear mit Bier“ gelesen 🙂 Das handelt zwar auch nicht gerade von netten Menschen, hat mir aber trotzdem ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Insbesondere dein Vorschlag zum Abschluss. Vielleicht kann man der Dame aus dem Autohaus auch mal ein Ethikseminar empfehlen? Obwohl, eines in Sachen Urheberrecht wäre auch schon hilfreich… 😉

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Ich hoffe sehr, dass sie mitliest, die Frau Betriebsratsvorsitzende! Vielleicht trägt es zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung bei, wenn sie mitkriegt, wie ihr Verhalten so allgemein eingeschätzt wird und sie würdigt die Arbeit anderer in Zukunft angemessen.
      Autofirma war nur ein Beispiel. In Wahrheit geht es um andere Verkehrsmittel … aber ich habe zugesagt, es für diesmal beim anonymen Anprangern ihres Verhaltens zu lassen. Tut mir inzwischen schon leid, aber versprochen ist versprochen.

      • 500woerterdiewoche schreibt:

        Ja, versprochen ist versprochen, und wenigstens eine Seite in dieser Geschichte sollte anständig bleiben, und sei’s nur, um mal zu zeigen, wie das geht. Mein Verständnis und meinen Respekt hast du 🙂

  12. Pingback: Ich habe ein schlechtes Bauchgefühl | www.herzgedanke.de - Das Literaturnotiz - Blog

  13. bohemia1973 schreibt:

    Das Fear mit Bier tät ich am liebsten komplett ausdrucken und verschiedenen Persönlichkeiten postalisch zukommen lassen* … Gut geschrieben, richtig gehandelt, beide Artikel. Allerdings muß ich sagen, den Leute in diesem Konzern der besagten Betriebsrätin hätte die Fear mit Bier Geschichte gut getan. 😉
    *mach ich aber nicht.

  14. Esther Barvar schreibt:

    Von einer Kollegin von mir wurden, ohne sie darüber zu informieren oder sie zu fragen, Gedichte benutzt. Sogar von öffentlichen Stellen und Kirchenblättern. Als sie es durch Zufall entdeckte, unterrichtete sie ihren Verlag darüber. Der schaltete einen Anwalt ein. Dieser hat viele, viele Briefe geschreiben und die Leute, die diese Gedichte nutzten, müssen etliches an Strafen zahlen. Natürlich haben sie sich beschwert. Einige wurden dem Anwalt gegenüber sogar unverschämt, aber die Rechtsprechung sieht vor, dass das Urheberrecht gilt und deine zu Papier gebrachten Gedanken dein sind. Also hat man dich erstens zu fragen, ob du es gestattest, dass es an anderer Stelle veröffentlicht wird und zweitens hat man deinen Namen als Urheber zu erwähnen. Selbst wenn du es unentgeltlich zulässt. DAS hat auch etwas mit Anstand zu tun, das Bitten um die Nutzung und der Respekt vor der Arbeit eines anderen, also dass man seinen Namen auch nennt.

was denkst du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s