Arbeitstitel: zündeln – der Anfang

Olga saß am Rand des Grabes und verfolgte eine Schneeflocke, die im böigen Wind schwankte. Sie stellte sich vor, Teil einer Mannschaft unerschrockener Entdecker zu sein, die auf dieser Schneeflocke von ihrem Heimatort in den Wolken aufgebrochen war, um die Erde zu erkunden. Und jetzt diese Turbulenzen. Aus einem ansatzlosem Looping heraus geriet die Flocke ins Trudeln, sank scheinbar unaufhaltsam der Grube entgegen, um in einer rasanten Pirouette wieder aufzusteigen. Nicht rechtzeitig, um Olga einen neuerlichen Blick auf das Durcheinander der grünen Stängel und roten Blumenköpfe zu ersparen, die auf dem schwarzglänzenden Sargdeckel lagen wie Treibgut. Ein Bild, dass sich eingravierte in ihre Netzhaut, mit Tränen nicht wegzuwaschen. Rote Rosen, Nelken, Gerbera. Nicht, dass er sich aus Blumen etwas gemacht hatte, aber Rot bis in den Tod, das wäre ganz nach seinem Geschmack gewesen.

Olga hatte ihre Schneeflocke aus den Augen verloren, doch da waren noch mehr. Sie hielt Ausschau nach der größten, folgte ihrem unsteten Flug, der sie auf ein schmiedeeisernes Grabkreuz zutrieb. Reiß das Steuer herum, Baby, links, mehr nach links!

„Auch dir mein Beileid.“ Eine Frauenhand reckte sich in ihr Blickfeld, hinderte Olga an der weiteren Überwachung des Schneeflockenkurses. Widerstrebend zog sie ihre Rechte aus dem Pelzmuff, befahl dem Arm, sie zu heben und sich von der Hand umschließen zu lassen, der Hand seiner Schwester, die sie nie hatte leiden können. Jetzt in herzlicher Antipathie zudrücken können. Doch die Zeiten, in denen ihre Gliedmaßen all ihren Kommandos gehorcht hatten, waren vorbei. Immerhin, eine Kontraktion brachte sie zustande und nur deshalb auch ein Lächeln, das, der Gelegenheit gänzlich unangemessen, recht triumphierend ausfiel. Von wegen Händedruck wie ein toter Fisch. Am liebsten hätte Olga festgehalten, den Druck auf die fremden Finger verstärkt, doch die nächste Hand wartete, männlich diesmal. Die Trauergesellschaft löste sich auf.

Olga wandte den Kopf, suchte in der Richtung, in die ihr Assistent zu Beginn der Trauerrede verschwunden war, konnte jedoch keine Spur von ihm entdecken. Stattdessen hakte sich ihr Blick an dem Mann im langen, dunklen Mantel fest, der unbeweglich wie ein Wächter am Kopfende des Grabes stand, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Nur schwarzgefiederte Schwingen fehlten, und er ginge als filmschöner Todesengel durch, weit eindrucksvoller als der Granitblock, der bald an seiner Stelle dort aufragen würde.

Der Grabredner. Wozu der wohl immer noch dastand. Festgefroren wahrscheinlich. Nur seine Augäpfel bewegten sich, flackerten hin und her, kreisten, hoben und senkten sich wieder. Kein Zweifel, er war Teil ihrer Mannschaft, Maschinist oder Navigator eines der Schneeflockenschiffe, die inzwischen im Geschwader zur Eroberung des Planeten anzufliegen schienen, der Boden bald fingerdick mit ihresgleichen bedeckt.

Höchste Zeit zu verschwinden, bevor der Rollstuhl ohne Hilfe des Assistenten auf dem glitschigen Untergrund manövrierunfähig wurde. Ein halber Kilometer war es mindestens bis zum Tor und wenn es so weiterschneite … Ihre Hand allerdings wollte jetzt nicht, lag bläulich und kältesteif auf ihrem Schoß. Olga half ihr mit der Linken in den Muff und hielt erneut nach dem Assistenten Ausschau.

Vogelhirniges, schwachblasiges Hipsterhascherl. Entweder war er in der Klomuschel steckengeblieben oder er fand den Rückweg nicht, zu blöd, um sich die Lage der Grabstelle zu merken und sich auf dem Plan zu orientieren. Gruppe 47A schrie sie ihm telepathisch zu und schaltete dann doch den Motor ein, griff mit immer noch eisigen Fingern nach dem Joystick und wendete das Gefährt in behutsamen Zügen. Das fehlte noch, dass sie ins Grab kippte und bäuchlings auf dem Sarg vom Rollstuhl zerquetscht wurde. Kein Loskommen von dem starrsinnigen Kerl, der da unten lag, nicht durch Scheidung und dann nicht einmal im Tod.

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Vollverschleierung oder die Auslöschung weiblicher Individualität

Die Diskussion um das Verbot der Vollverschleierung lässt derzeit kaum jemanden kalt. Rechts streift man sich aus rassistischen Gründen unpassende feministische Mäntel über, nur um auf Schritt und Tritt auf den Ausscheidungen des bisher zur Schau getragenen Machismo auszugleiten. Links wird Toleranz gegenüber der Intoleranz gefordert und damit fleißig der ultrakonservative Islam beschützt. Die Argumente wirken zumeist so verrenkt als wären sie Ergebnis einer ideologischen Twister-Partie.

Darf eine aufgeklärte Gesellschaft die Vollverhüllung des weiblichen Körpers verbieten?

Verbote seien Instrumente einer repressiven Gesellschaft, sagen die einen. Da eine Vollverschleierung zudem – von der Trägerin abgesehen – niemand anderen behindere, dürfe die aufgeklärte Gesellschaft hier nicht eingreifen. Das scheint auf den ersten Blick zwar abstrakt, aber konsequent und edel gedacht. Freiheit bedeutet immer, diese Freiheit auch abweichenden Konzepten und Lebensentwürfen zuzugestehen. Grotesk wird die Verteidigung vermeintlicher Freiheit allerdings, wenn man, wie in diesem Fall, den Unterdrückern ein stärkeres Schutzbedürfnis zugesteht als den Unterdrückten.

Ein weiteres Argument beharrt auf dem Recht jeder Frau, sich ihre Kleidung selbst zu wählen und sieht dieses Recht im sogenannten Burkaverbot verletzt. Ist es nicht grenzenlos zynisch, ein Kleidungsstück, das die Individualität der Trägerin optisch auslöscht, ausgerechnet mit dem Argument individuellen Kleidungsgeschmacks zu verteidigen? Wer hat je eine Frau in Burka auf unseren Straßen gesehen, jenem blauen Sack mit Gesichtsgitter, das afghanische Frauen in ihrer Heimat in der Öffentlichkeit verhüllt? Obwohl im Zuge der Migrationsbewegungen der letzten Jahre sehr viele afghanische Frauen und Mädchen nach Westeuropa geflüchtet sind, habe ich, trotz persönlicher Verbindungen in die Community, noch nicht eine einzige gesehen, die sich ohne den im Heimatland herrschenden Druck für die Burka entschieden hätte.

Was man hingegen sieht, sind Frauen im Niqab, die wie schwarze Vögel durch Wien, Salzburg oder Zell am See flattern, oft schwer beladen mit Einkaufstaschen aus Nobelboutiquen, deren Inhalt sie – angeblich freiwillig – ausschließlich im Familienkreis vorführen. Konsequent lautet ein häufig gehörtes Argument gegen ein Verschleierungsverbot, ob man wirklich die finanzkräftigen Touristen aus den Golfstaaten vergrämen wolle. Steht Profit zu erwarten, muss der gelernte Linksliberale sich mit moralischen Argumenten nicht mehr aufhalten. Der Kampf um Gleichberechtigung auf der arabischen Halbinsel hat zurückzutreten vor dem Geschäftsinteresse von Juwelieren, Textilhändlern und Hoteliers.

Seit der Renaissance, spätestens jedoch seit der Aufklärung basiert unsere Gesellschaft auf der Anerkennung der Individualität. Gleichheit bedeutet eine Gleichwertigkeit unterschiedlicher Individuen und Freiheit ist erst denkbar, wenn der Einzelne sich als solcher wahrnimmt und auch von anderen als Individuum wahrgenommen wird. Weitergedacht bedeutet das Recht auf Freiheit und Gleichheit aber auch die Pflicht zur Individualität. Jeder muss seine Handlungen selbst verantworten und kann sich im Nachhinein weder auf einen Befehlsnotstand noch auf einen angeblichen gesellschaftlichen Konsens berufen, das haben die NS-Prozesse hoffentlich jedem vor Augen geführt.

Das Ziel der Vollverschleierung ist es, die Individualität der Frauen auszulöschen, zumindest im öffentlichen Raum, indem man sie in wahlweise blaue oder schwarze Säcke steckt. Sie ist ein Herrschaftsinstrument des Patriarchats, dem sich, das sei zugestanden, manche Frauen möglicherweise freiwillig unterwerfen. Unter jedem Regime gibt es jene, die sich freiwillig unterwerfen, weil sie sich durch die Solidarisierung mit den Unterdrückern Vorteile oder wenigstens verringertes Leid erhoffen. Andere gehen den Weg des geringsten Widerstandes und modifizieren ihr Verhalten sobald sie eine Wahl haben. Wenige kämpfen um ihre Rechte. Nur die erste dieser Gruppen sehen wir auf unseren Straßen vollverschleiert. Sind sie es, die unseren Schutz an erster Stelle verdienen?

Ein Verbot der Vollverschleierung richtet sich ausschließlich gegen ein rückständiges Patriarchat. Es schützt die Interessen derjenigen, die zu schwach sind, um sich gegen die Auslöschung ihrer Individualität zu wehren. Einer Individualität, die ich als unerlässliche Grundlage einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft erachte.

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Rezensionen und der Tod des Autors

Es läuft gut an. In den Buchhandlungen liegt mein Buch auf Tischen gestapelt und trotz Ferienzeit und Sommerloch kann ich mich kurz nach dem Erscheinungstermin bereits über eine Rezension in einer überregionalen Qualitätszeitung freuen. In der österreichischen Presse am Sonntag (die online leider nur gegen Bezahlung zu lesen ist, deshalb hier kein Link) finde ich mich in blendender Gesellschaft der zwei attraktiven Krimi-Kapazunder Thomas Raab und Bernhard Aichner wieder.

Als ich zum Frühstückstisch komme, liegt die Zeitung bereits dort und mein Mann ist recht gedrückter Stimmung. Offenbar unterschätzt er meine Frustrationstoleranz, doch ich bin bestens vorbereitet. Glücklicherweise durch eine liebe Bekannte aus der Presse-Redaktion vorab von der Rezension informiert, konnte ich mich in zwei schlafarmen Nächten gut auf den Moment einstellen. Nicht umsonst bin ich auch an diesem Morgen lange Zeit wach im Bett gelegen und habe die unumstößliche Überzeugung aufgebaut, dass mein Buch gnadenlos verrissen wird. Ganz klar, ich werde den Artikel einfach nicht lesen.

Tue ich dann doch, nach etwa einer Minute Bedenkzeit:
Mutiger Beginn, lebensechte Protagonistin, fesselnde Geschichte ohne simple Gut-gegen-Böse-Schemata. Ich freue mich. Dass Peter Huber das Ende hat kommen sehen, wird seiner Routine als Rezensent geschuldet sein. Ich habe es zum Glück nicht kommen sehen, sonst wäre mir beim Schreiben langweilig geworden. Ein wenig überraschend die Vermutung, ich hätte Anleihen bei der „Tribute von Panem“-Trilogie genommen. Für eine weibliche Heldin, die ein diktatorisches Regime ins Wanken bringt, finden sich in der Literaturgeschichte offenbar keine anderen Beispiele. Ich interpretiere das als eindeutigen Ansporn, mehr politische, aufmüpfige Protagonistinnen in die Welt zu setzen.

Wenn ich nun nicht zufrieden gewesen wäre mit der Rezension?

Der Tod des Autors, ein Essay des Semiotikers Roland Barthes von 1968, beschreibt nicht, wie man meinen könnte, die Seelenqualen samt anschließendem Suizid eines Autors nach einer in seinen Augen wenig treffenden Kritik. Es dreht sich vielmehr um die Irrelevanz des Autors für die Entschlüsselung des fertigen Textes, dessen Bedeutung erst in der Interpretation des Lesers entsteht. Auch wenn ich Barthes These nicht in ihrer ganzen Radikalität zustimmen mag, so verschwinde ich als Autorin doch sehr gerne hinter meinem Text. Jede Geschichte soll die Sprache, die Atmosphäre, das Tempo haben, das ihr gebührt, ohne dass ein spezifisch persönlicher Stil im Vordergrund steht. Mit Vergnügen lasse ich beim Schreiben Räume offen, verweigere gelegentlich die Deutung der Geschehnisse, um den Leserinnen Platz lassen, sich selbst ihre Welt zu erschaffen.

Wenn die ihnen dann nicht zusagt, gibt es vielleicht auch mal eine schlechte Kritik. Und ich versuche, sie nicht persönlich zu nehmen. Schließlich gilt sie in der Regel nicht der Autorin, sondern dem Text, bei dessen Erschaffung die Leserin maßgeblich mitgewirkt hat. Ungemein entlastend.

Falls man rechtzeitig daran denkt. Andernfalls einfach wie üblich wüten, toben, schimpfen und den Kritikern die Pest an den Hals wünschen.

 

 

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Lügenland ist da!

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Heute ist der offizielle Erscheinungstermin meines neuen Romans. Das bedeutet, dass ich etwa alle halben Stunden überprüfe, ob er bei Amazon und den anderen Online-Portalen endlich als lagernd gelistet ist. Macht vorwärts, Leute!

Ich stelle mir vor, wie die Buchhändler über den Kisten mit den glänzenden Klappenbroschuren stehen und entzückte Schreie von sich geben. Selten zuvor haben sie ein derart wohlgelungenes Buch gesehen. Nicht nur das phantastisch suggestive Coverbild, nein, auch der Rücken weiß zu begeistern. Da freut man sich als Autorin direkt, irgendwann auf der Backlist zu landen, denn selbst im Regal zieht das Buch die Blicke auf sich. Die Buchhändlerinnen lassen ihre Kaffeetassen halbvoll stehen, um Lügenland unverzüglich auf die Tische und neben die Kassen zu stapeln und jedem Kunden legen sie ans Herz, mindestens ein Exemplar zu erwerben, besser noch zwei oder drei, man hat ja auch Freunde und Verwandte.

„Und das Beste“, aufgeregt packt ein Buchhändler den montäglichen Stammkunden am Arm, „ist überhaupt der Inhalt! Unglaublich, wie die Autorin es verstanden hat, die aktuelle politische Situation in all ihrer Brisanz weiterzuspinnen und in einen Thriller zu transformieren, der selbst politisch Desinteressierte vor Spannung atemlos hinterlässt. Darf ich Sie auf ein Gläschen Champagner einladen zur Feier dieser literarischen Sternstunde und dann lesen Sie den Klappentext. Lesen Sie!“

Der Klappentext:
Es ist ein Schuss, der Matteas Leben von Grund auf verändert. Von ihr selbst abgefeuert trifft er eine Freundin und Mattea muss fliehen, ausgerechnet am Tag ihrer Hochzeit. Doch wohin in einem rechtspopulistisch regierten Staat Österreich, der seine Bürger lückenlos überwacht? Mit einem Mal findet sich die regimetreue Mattea auf der Seite der Rechtlosen wieder. Als sie auch noch mit einer untergetauchten Revolutionärin verwechselt wird, ist das ganze Land hinter ihr her. Doch ausgerechnet die Widerstandsbewegung springt ihr nun bei. Matteas Weltbild gerät ins Wanken.

Drückt mir die Daumen, dass es sich nicht nur in meiner Phantasie so abspielt und tragt euren Teil dazu bei🙂 Wenn ihr mich dann auch noch wissen lasst, wenn euch das Buch gefallen hat, würde ich mich besonders freuen. Schreibt Rezensionen! Nicht nur ich, alle Autorinnen und Autoren freuen sich darüber.

 

 

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So anders

anders
sein wollen
als die
anderen
die auch
aber falsch

anders sind

andere
die gleich
sein wollen
so anders
wie wir
aber

anders sind

wir
die gleich
anders sind
wie die
anderen
die richtig

anders sind

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Homestory oder: Die Überwindung von Radikalen mithilfe ungesüßter Erfrischungsgetränke

Am letzten Sonntag, dem ersten im Juni, beschloss ich zu laufen. Nicht zu gehen, nicht zu rennen, nein, der Fitness zuliebe zu laufen — ein gnadenloser Selbstversuch, um dem fortschreitenden körperlichen Verfall Einhalt zu gebieten. Andere machen das auch. Ob es funktioniert kann ich in ihren verquält-asketischen Gesichtern leider nicht zuverlässig ablesen. Wer weiß schon, wie die sonst aussähen. Also Selbstversuch.

Gleich nach dem Frühstück und einem versemmelten Sudoku lief ich los, barfuß selbstverständlich, um unmittelbar mit dem Untergrund in Kontakt zu treten. Anders als bei meinem letzten derartigen Versuch vor über zwanzig Jahren, als ich im Schlosspark Schönbrunn auf der grausam ansteigenden Geraden zur Gloriette erbärmlich verreckte, lief es diesmal prächtig. Runde um Runde spulte ich ab und geriet bald in den meditativen Zustand, der von Ausdauersportlern so oft beschworen wird. Gedankenfetzen verdichteten sich zu Romanideen und Konzepten für philosophische Essays und schließlich war, wie aus dem Nichts, eine Lösung für eines der drängenden Probleme unserer Zeit geboren.

Doch von vorne. Ich liebe Soda-zitron. Für alle Nicht-Österreicherinnen: Es handelt sich dabei um frisch gepressten Zitronensaft, mit Soda oder Mineralwasser aufgespritzt. Kein Zucker, kein Ingwer-Basilikum-Melisse-Gewese, einfach nur Zitrone und Sprudelwasser. Soda-zitron ist meinen Geschmacksnerven die einzig trinkbare Alternative zu Wasser, Bier, Wein und Höherprozentigem und gehört, bitte, endlich auf die Karten aller Gastwirtschaften dieser Welt.

Zitrone, das wissen jetzt sicher wieder alle, enthält viel Vitamin C, stärkt das Immunsystem, reguliert den Säure-Basen-Haushalt. Und sie enthält wertvolle Antioxidantien. Antioxidantien wirken gegen freie Radikale, Moleküle, die unsere Zellen angreifen und funktionsuntüchtig machen.

Radikale. Die unser System zu zerstören trachten, arbeitete es in meinem Kopf, während ich immer noch federnden Schrittes Meter um Meter der vor mir liegenden Strecke aufspulte. Rechtsradikale Identitäre, radikale Islamisten, dumpfe Extremisten aller Art. Neutralisiert mithilfe von Zitronensaft. Soda-zitron flächendeckend in den Schulen ausgeschenkt, im Anschluss an Gottesdienste in Kirchen und Moscheen kredenzt, auf Burschenschafterbuden heimlich ins Bier gemischt — konnte es tatsächlich so einfach sein?

Das Brennen in meinen Waden steigerte sich ins Unerträgliche. Durchhalten, hatte mein fitnessbesessener Mann versichert, wäre dagegen das einzige Rezept, dann würde es wieder nachlassen. Ich versuchte, mich mit meinem eigenen Rezept zur Rettung der Menschheit abzulenken. So-da-zi-tron, So-da-zi-tron, atmete ich,  doch nun begann es auch im Lendenwirbelbereich zu schmerzen, Hexenschuss drohte, gar Bandscheibenvorfall, und wie aus weiter Ferne drang die Stimme meines Mannes in meine Versunkenheit: Ehrlich gesagt, nervst du ein bisserl. Seit fünf Minuten trabst du jetzt rund um das Sofa. Was soll das? Kann ich dir einen Kaffee machen? 

Immerhin: Wenn mich wieder einmal jemand fragt, woher ich die Ideen zu meinen Texten nehme, dann kann ich jetzt endlich sagen: Die kommen mir beim Laufen.

 

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Brennnesseln im Flecktarn queren – Lektoratsfreuden

Ob ich für meinen Polit-Thriller Lügenland wirklich bei einem unabhängigen Verlag unterschreiben wolle, fragte mich ein konzernverlegter Kollege. Mit einem qualitativ hochwertigen Lektorat, wie ich es für mein erstes bei Aufbau erschienenes Buch erhalten habe, dürfe ich da nicht rechnen. Papperlapapp!, rufe ich dir, lieber Kollege, heute aus vollem Herzen zu.

Schon bei Vertragsabschluss habe ich Günther Butkus vom Pendragon Verlag um ein gnadenlos strenges Lektorat gebeten. Er konterte souverän, indem er mir über die verlagsinterne Bearbeitung hinaus die externe Lektorin Eva Weigl zur Seite stellte, der ihr Perfektionismus eigenen Angaben zufolge die scherzhafte Bezeichnung böse Frau von Seiten eines Autors eingetragen hatte. Böse, das attestieren mir selbst engste Freunde, kann ich auch sein. Wir haben uns vom ersten Moment an blendend verstanden, die Zusammenarbeit war ebenso produktiv wie vergnüglich.

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Besonders angenehm hat sich für mich Evas bayrische Herkunft bemerkbar gemacht. Erstens wegen des verwandten Humors. Zweitens hat sie sich weder an den Marillenknödeln noch an der Frittatensuppe gestoßen und dennoch Wörter aufgespürt, die für norddeutsche Ohren schlicht falsch klingen. So mussten die Schlapfen zu Schlappen werden, was wiederum meine Ohren beleidigte, weshalb meine Heldin im Buch nun in fremde Sandalen schlüpfen muss. Haarspaltereien, herrlich!

Obwohl ich meine Kommasetzung gegenüber dem Lektorat zu Die Venezianerin und der Baumeister stark verbessert habe, war auch da einiges zu tun. Ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber, da ich derartige Eingriffe wie auch Korrekturen von Rechtschreibfehlern nur stumm abnicke. Brennnesseln! Wie viele ns denn noch?

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Lieblingswörter oder -wendungen, die sich unbemerkt viel zu oft in unsere Texte einschleichen, haben wir wohl alle. Mein Testleser Rainer Neumüller hatte da schon im Vorfeld gute Arbeit geleistet. Ihm zuliebe hatte ich das Wort kitzeln weitgehend ausgemerzt. Eva Weigl war strenger. 8 mal hetzen in 150 Seiten und 2 mal den Schritt bremsen ließ sie nicht durchgehen. Gar nicht so einfach, wenn man sich zu Fuß auf der Flucht befindet. 12 mal auf letztlich 432 Seiten querte meine Protagonistin Wiesen, Plätze oder Brücken, nur 5 Querungen durften bleiben. Und dass meine Leute dauernd die Zähne zusammenbeißen müssen … Klar, sie haben allen Grund dazu, dennoch — schlecht für die Zähne.

Ich verdanke dem Lektorat suggestive neue Wörter wie den Flecktarn, der meinen profanen Tarnanzug ersetzte und die Erkenntnis, dass man sein Kinn besser auf verschränkten Fingern als auf gefalteten Händen ablegt. Bei bösem Dröhnen verhaspelt man sich auf Lesungen leicht und wenn Brummer brausen ist das eindeutig zu viel der Alliteration, wenn man nicht auf Comedy aus ist.

Was meiner Arbeitsweise sehr entgegenkommt: Eva ließ machte mich auf problematische Formulierungen aufmerksam, änderte sie aber zumeist nicht, sondern regte in einem Kommentar Überarbeitung an, über die ich dann wieder selbst nachdenken musste. Da ich eine sehr genaue Vorstellung davon habe, wie meine Sprache klingen soll, spart das viele Neuüberarbeitungen von eben Korrigiertem.

Abgesehen von der Suche nach dem richtigen Ausdruck ist der Blick von außen aber vor allem unersetzlich, um inhaltlichen Unschärfen und Logikfehlern auf die Spur zu kommen. Wer sich nie gesetzt hat, muss nicht aufstehen und Hände werden hinter dem Rücken gefesselt, können demzufolge im Auto nicht auf dem Schoß liegen. Der größte Brocken war für mich eine Szene, in der ein Charakter seinen sehr spezifischen Tonfall gegenüber einer früheren Szene zu stark verändert hatte. Niemandem außer mir war das aufgefallen und da ich es auf Anhieb einfach nicht besser hinbekam, dachte ich faul, es ginge so durch. Nicht bei Eva Weigl. Nach anfänglichen eher reflexartigen Protesten schrieb ich also gute vier Seiten völlig um, kaum ein Stein blieb auf dem anderen und was soll ich sagen — gut so!

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Manchmal diente das hartnäckige Hinterfragen jeder Formulierung auch nur dazu, mich der beruhigenden Tatsache zu versichern, dass ich im Großen und Ganzen weiß, was ich tue. Was stringente Perspektive und sparsame Verwendung von Adjektiven angeht beispielsweise.

Ein größeres Korrekturfeld blieb uns während des Lektorats erspart, weil ich es mit Hilfe meiner lieben Kollegin Ella Theiss bereits im Vorfeld beackert hatte. Einige allzu didaktische Passagen voller ausführlicher Informationen zum politischen Hintergrund mussten rigoros ausgedünnt werden, da sich der Wissensstand der Leser mit dem tatsächlichen Eintritt zum Zeitpunkt des Schreibens fiktiver Ereignisse geändert hatte. So sind beispielsweise seit der Eskalation der Migrationsbewegungen im letzten Jahr jedem die unterschiedlichen Positionen zum Thema gegenwärtig. Leider, möchte ich fast sagen.

Allen, die dazu beigetragen haben, den Text meines Romans besser zu machen, danke ich hiermit!

Zum Schluss noch ein Triggerwarning: Eine Katze stirbt. Ja, auch Menschen. Muss sein.

Lektorat10_katze

 

Der Bericht über das Lektorat zu meinem historischen Roman ist hier nachzulesen.

 

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