Drift – ein philosophischer Roman von Anne Kuhlmeyer

Schon in ihren letzten beiden Büchern Es gibt keine Toten und Nighttrain hat Anne Kuhlmeyer sich nicht viel um die angeblichen Regeln des Genres Krimi geschert. Mit Drift lässt sie diese endgültig hinter sich und es ist gut so! Das ist mal ein Buch – poetisch philosophisch und anspielungsreich, spannend, raffiniert und voller feinem Humor.

Acht Menschen, durch eine Flutkatastrophe aus ihren Plänen, aus ihrer steten Suche nach dem guten Leben gerissen, suchen Schutz in einem einsamen Haus. Doch nur fünf von ihnen schaffen es hinein, dreien wird die Zuflucht und damit das Recht auf ein Überleben verwehrt.

Schon in dieser Konstellation offenbart sich, wie vielfältig die Bezüge sind, die die Autorin zu unserem Leben, unserer Gesellschaft setzt. Unangestrengt und mit Mut zu Leerstellen verflicht sie unterschiedliche Biografien, reale und surreale Elemente und vielfältige Bedeutungsebenen, denen man teilweise erst langsam auf die Spur kommt. Doch selbst die unerklärlichen Ausflüge, bei denen die Protagonisten mit Hilfe von Büchern kurzfristig in fremde Welten reisen dürfen, wirken weniger magisch als realistisch. Sie spielen sowohl mit dem eskapistischen Potential der Literatur als auch mit der Universalität gesellschaftlicher Probleme.

Nur einen Satz (von Seite 69) noch, der eine wunderschöne Beschreibung des Ineinanderfließens von Realität und Phantasie abschließt: „Alles hat seine Zeit, so auch die Phase, in der man die Augen geschlossen halten kann, jedenfalls zu Lebzeiten.“

Mehr sage ich jetzt nicht dazu, weil ich mir wünsche, dass ihr selbst entdeckt …

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Ich hab heut Geburtstag, tralalala

Ich kann heut machen, was ich will. Dem Flieder zusehen, wie er für mich blüht. Am Sofa lümmeln und lesen mit der Teetasse auf dem Bauch. Im Regen stehen und die Sonne rufen. (Und sie kommt!) Schon vormittags Schokotorte essen. An alle denken, die nicht da sind und mit denen ich gerne feiern würde. Feiern mit denen, die da sind und mit mir feiern wollen. Schön ist das.

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Die T-Rex-Therapie und die Antwort auf alles

Panikattacken. Sofern ihr Schriftsteller, Künstlerinnen oder anderweitig prekär beschäftigt und halbwegs phantasiebegabt seid, wisst ihr, wovon ich rede. Aber auch Eltern, beruflich Gestresste, abstiegsgefährdete Fußballtrainer und auf ihren Asylbescheid wartende Flüchtlinge haben meist Erfahrung mit unvermittelten Schweißausbrüchen, Atemnot und plötzlichem Herzrasen, das einen gern aus dem Schlaf fahren und danach oft stundenlang wachliegen lässt, indem es selbstquälerische Gedankenkarussells befeuert. Man will schließlich wissen, warum man in Panik geraten ist und dafür fallen einem, insbesondere nachts, oft zahlreiche Gründe ein. Die sind im Optimalfall entweder nicht akut beeinflussbar (Asyl, Trump) oder generell außerhalb jeder Kontrolle (Alter, Liebesverlust, Tod).

Sie kennen das gar nicht? (Ich sage jetzt „Sie“, weil wir uns vermutlich nicht persönlich kennen, wenn Sie einer von denen sind und auch, weil ich großen Respekt vor Ihrer stabilen Gemütslage hege.) Sie sind Teil einer glücklichen Familie, haben beruflich die optimale Balance zwischen Sicherheit und stimulierender Herausforderung gefunden und leben in unangreifbaren finanziellen Verhältnissen. Das war immer so. Und wird immer so sein. Echt jetzt? Das soll alles gewesen sein? Wieviel Zeit haben Sie noch, um ihre Träume zu verwirklichen? Dieser braune Fleck hinter Ihrem Ohr ist sicher harmlos? Und denken Sie doch mal daran, wieviel Sie zu verlieren haben! Jeder hat Anlass zur Panik und bei entsprechender Disposition kann auch die Angst vor der Panik eine Attacke provozieren.

Da wir jetzt alle auf dem gleichen Stand sind, verrate ich euch meine garantiert unwissenschaftliche Therapie. Hatten Steinzeitmenschen sinnlose Panikattacken? Vielleicht. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie ihre Adrenalinstöße dem Brüllen eines Löwen oder einem plötzlichen Felssturz in der heimatlichen Höhle verdankten, dachte ich mir eines Nachts. Welche lebensbedrohliche Situation könnte mir wohl in diesem Moment Anlass zu beschleunigtem Puls und Hyperaufmerksamkeit bieten?

Da! Ein Geräusch vor dem Fenster. Dabei liegt das Schlafzimmer im zweiten Stock. Ein Einbrecher? In Gedanken schleiche hinüber, luge hinaus und blicke direkt in das bösgelbe Auge eines gewaltigen Tyrannosaurus Rex. Das Flattern des Vorhangs hat seine Aufmerksamkeit erregt. Er reißt das Maul auf und stößt ein seltsam gurrendes Grollen aus. Ich werfe mich zu Boden, krieche auf die Tür zu. Sein Kopfstoß lässt die Fensterscheibe zerspringen. Kalte Luft und heißer Atem, der nach faulendem Fleisch riecht, wirbeln ins Zimmer. Der nächste Anprall drückt die Mauer ein, Ziegel fallen, drohen, meinen Mann unter sich zu begraben. Der nicht aufgewacht ist. Ruhig liegt er im Bett. Wie übrigens auch ich. Der T-Rex löst sich auf und mit ihm die Panik. Glück gehabt!

Es klingt vielleicht kindisch, aber es hat funktioniert. Ein Kontrollversuch mit einem imaginierten Brand im Erdgeschoß, der den Weg über die Stiege abschneidet, brachte ebenfalls ein zufriedenstellendes Ergebnis und diverse Ideen zu verletzungsfreier Flucht aus dem Fenster. Doch die Gefahr des Feuers ist zu konkret um sich so flott und rückstandslos aufzulösen wie eine Raubechse aus der Kreidezeit.

Und nun Zahnarzt, eine kleine Operation. Der Tyranno mag nicht helfen, hat sich in den Kopf gesetzt, sich selbst wegen einer Zahnregulierung beraten zu lassen und bleibt hartnäckig an meiner Seite. Er stinkt aus dem Maul. Wenn er den Arzt nur nicht ablenkt, den Bohrer in seiner Hand zittern und abrutschen lässt. Wie gut, dass mich die Panik nachts wachgehalten hat und ich dank ihr nun viel zu müde bin, um mich aufzuregen.

Ich schulde euch noch die Antwort auf alles, aber ich muss dann los. Beim nächsten Mal, versprochen! Und falls ihr nichts mehr von mir hört, dann hat er mich wohl doch erwischt. Der T-Rex. Oder der Zahnarzt.

 

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Radioerkenntnisse I – Kassandra zieht den Kopf aus dem Sand

„Du bist mutig“, meinte eine Kollegin, als ich von meiner Erfahrung berichtete, mir selbst im Radio zuzuhören. Mit meinem aktuellen Politthriller Lügenland war ich anlässlich der Politischen Nacht im Rahmen des Krimifestivals Mord am Hellweg gemeinsam mit den Kolleginnen Jelena Volic, Christian Schünemann und Christian von Ditfurth zu Gast bei einer für den WDR5 aufgezeichneten Podiumsdiskussion in Unna gewesen.

Nun ist es einerseits tatsächlich immer ein wenig irritierend, die eigene Stimme aus einem elektronischen Gerät zu hören. Eine Stimme, die man spontan vermutlich nicht einmal als die eigene erkennen würde. Andererseits lassen sich gerade aus dieser Erfahrung der Fremdheit wertvolle Erkenntnisse gewinnen, da sie eine ungeahnte Distanz zu den eigenen Worten schafft.

Eine dieser Erkenntnisse weist über den konkreten Fall hinaus auf ein tatsächlich politisch-gesellschaftliches Phänomen, das ich das Kopf-in-den-Sand-Syndrom nennen will. Mein Roman spielt in einem Österreich der nahen Zukunft, einer rechtspopulistischen Demokratur, die sich nach dem Zusammenbruch der EU aufgrund der Flüchtlingsproblematik und anschließenden bürgerkriegsähnlichen Zuständen durchgesetzt hat. Dieses Szenario hatte ich bereits 2013 entwickelt, also bevor sich ab  2015 erwies, dass die EU bei der Bewältigung der Krise an die Grenzen der Solidarität stoßen würde. Wie schon öfter sprach man mich demzufolge auch bei dieser Veranstaltung in Deutschland auf meine prophetischen Gaben an und fragte im Spaß (hoffe ich jedenfalls) nach Lottozahlen und Aktientipps. Ob es nicht gruselig sei, die Entwicklungen so vorauszusehen?

Natürlich sei es gruselig, dass schon so viele Aspekte meiner Horrorvision wahr geworden seien, hörte ich mich im Radio sinngemäß antworten. Aber ich glaube noch immer daran, dass es nicht zu einem endgültigen Rechtsruck in Österreich käme.

Die Sache ist die: Ich hatte auch nicht geglaubt, dass sich die Flüchtenden in Massen auf den Weg machen würden. Nicht, dass die EU daran scheitern könnte, Verfolgten und Kriegsflüchtlingen Schutz zu bieten. Dass Grenzen dicht gemacht würden. Dass allerorts rechtsextreme Parteien einen derartigen Aufschwung nehmen würden. Dass England die EU verlässt. Ich habe darüber geschrieben, ohne zu glauben, dass es wahr werden würde. Ein Worst Case Scenario, um zu erzählen, was Repression mit Menschen macht, innerhalb einer Stunde aus dem Ärmel geschüttelt, weil ich im Rahmen einer fiktiven Geschichte von meinen Hoffnungen für die Zukunft befreit war.

Damals wollte ich recherchieren, welche Szenarien linke Parteien zu bieten hätten, sollte es zu einem vermehrten Flüchtlingszustrom kommen, wie organisatorisch damit umzugehen sei, wie ideologisch. Doch da war nichts zu recherchieren. Floskeln anstelle von Visionen. Weil es schon nicht so weit kommen würde. Und obwohl auch ich nicht erwartete, dass es soweit kommen würde, empfand ich es als beunruhigend, dass es von der Linken keine Antworten auf diese Fragen gab, dass man das Feld allein den Rechten überließ. Ich schrieb also dieses Buch nicht nur, um eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern auch, weil ich sozusagen die Verpflichtung zum Kassandraruf empfand.

Dessen ungeachtet weigerte sich meine Stimme im Radio – ebenso wie die eben kritisierten Parteien – zu glauben, dass die Entwicklung weiter fortschreiten könnte. Warum? Weil der Schock tief sitzt, dass die Demokratie nicht, wie ich seit meiner Jugend dachte, das Ende der gesellschaftlichen Entwicklung darstellen könnte. Die beste aller möglichen Welten und doch soll ein Zurück bevorstehen? Das Ende der Dialektik. Eine Rückkehr zu Repression und Nationalismus, eine Abkehr von Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung.

Und nun verkündet der Chef der nationalistischen FPÖ am Nationalfeiertag, dass er einen Bürgerkrieg mittelfristig für nicht unwahrscheinlich hält, ausgelöst selbstverständlich nicht durch seine hetzerischen Brandreden, sondern durch „den ungebremsten Zustrom von kulturfremden Armutsmigranten“.

Es ist an der Zeit, den Kopf aus dem Sand zu ziehen. Es ist an der Zeit, die Zukunft nicht mehr den Angstmachern und Aufhetzern zu überlassen. Es ist an der Zeit, nicht mehr nur zu reagieren und die Gegebenheiten zu administrieren, sondern Antworten und Visionen zu entwickeln, die die Verunsicherten zu Demokratie und Freiheit verführen, anstatt sie den reaktionären Demagogen zu überlassen!

 

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Panik, Kamera! – mein Leben als Filmstar

Gestern war es soweit: Ich habe mich zum ersten Mal in einem Film gesehen und gehört, den theoretisch jeder Mensch auf der Welt auf youtube und anderen Plattformen abrufen kann. Wie ihr daraus schließen könnt, hatte ich es bisher nicht besonders darauf abgesehen. Natürlich wünsche ich mir, dass mindestens jeder zweite Weltbürger meine Romane liest und jedes Medium sie rezensiert. Auch gedruckte Interviews finde ich amüsant. Kamerascheu bin ich allerdings schon seit meiner Kindheit.

Aber man soll sich seinen Ängsten stellen, sagt die Küchenpsychologie. Nachdem ich schon im Kampf gegen die Höhenangst große Erfolge erzielen konnte, indem ich vor rund 15 Jahren mit dem Paragleiten begonnen (und inzwischen wieder aufgehört) hatte, wollte ich es jetzt der Kamera gegenüber mit einer Konfrontationstherapie versuchen. Erst war mein Mann dran, der rund 250 Fotos schießen musste, damit ich ca. 5 fand, die mir gefielen. Und nun also Film. Als der Kollege Günther Zäuner mich einlud, in seinem virtuellen Krimisalon meinen aktuellen Thriller Lügenland zu präsentieren, war ich gleich Feuer und Flamme.

Was soll ich sagen? Mein erstes Rendezvous mit der Kamera verlief ebenso erfolgreich wie mein erster Höhenflug mit dem Gleitschirm. Damals hatte ich mir bei der Landung den Fuß verstaucht und diesmal … Nun ja, eine weitere Konfrontationseinheit ist fällig. Ich stelle mich der Angst, dass jemand diesen Film sehen könnte.

Was bei so einem Filmchen groß schiefgehen kann?

Man kann sich zum Beispiel, kurz bevor es losgeht sicherheitshalber noch einmal schnäuzen und dabei den Lippenstift von der einen Hälfte der Oberlippe abwischen. Think positive! Der schief erscheinende Mund verstärkt wirkungsvoll meine Grimassen.

Schlimmer aber ist, dass ich praktisch kein Wort über das Buch verliere, das vorzustellen, doch eigentlich der Plan war. Stattdessen schwafle ich planlos irgendein unzusammenhängendes Zeug, nachdem mir gesagt wird: „Das ist jetzt erstmal eine Probe.“ Vermutlich mache ich das, damit ich die Wörter, die ich eigentlich sagen will, nicht aufbrauche, bevor es ernst wird, ein drastisches Missverständnis des Begriffs Probe meinerseits. In diesem Fall ist die Probe leider schon der Ernst und vermutlich nur so angekündigt, um mir die Nervosität zu nehmen. Merke: der Fokus bei einem zur PR gedachten Film sollte nicht lauten: Ohjeh, eine Kamera, mal schauen, was passiert. Es passiert nämlich, wenn man gefilmt wird, überraschenderweise genau das, was man selbst macht.

Warum ich nicht einfach, wie andere Leute, Stillschweigen über meine Peinlichkeiten bewahre und hoffe, dass niemand sie bemerkt? Ist doch langweilig! So kann vielleicht die eine oder der andere von meinen Erfahrungen profitieren. (Bei der Landung mit dem Gleitschirm nie im letzten Moment die Bremsleinen noch einmal loslassen!) Schließlich profitiere ich auch davon, indem ich die gleichen Fehler, wenn ich sie mir ausführlich vor Augen führe, hoffentlich kein zweites Mal begehe. Und sollte ich eines Tages reich und berühmt sein und irgendwelche Maden, die zu viele schlechte Krimis gelesen haben, mich mit alten Peinlichkeiten erpressen wollen, so haben sie keine Chance.

Und wenn ihr es jetzt sehen wollt: Zäuners Krimisalon. Ab Minute 26 bin ich dran. Davor gibt es ein interessantes Interview mit dem Literaturkritiker Heinz Sichrovsky und zu Beginn stellt Edith Kneifl ihren aktuellen Krimi vor. Sie macht das tatsächlich.

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Vollverschleierung oder die Auslöschung weiblicher Individualität

Die Diskussion um das Verbot der Vollverschleierung lässt derzeit kaum jemanden kalt. Rechts streift man sich aus rassistischen Gründen unpassende feministische Mäntel über, nur um auf Schritt und Tritt auf den Ausscheidungen des bisher zur Schau getragenen Machismo auszugleiten. Links wird Toleranz gegenüber der Intoleranz gefordert und damit fleißig der ultrakonservative Islam beschützt. Die Argumente wirken zumeist so verrenkt als wären sie Ergebnis einer ideologischen Twister-Partie.

Darf eine aufgeklärte Gesellschaft die Vollverhüllung des weiblichen Körpers verbieten?

Verbote seien Instrumente einer repressiven Gesellschaft, sagen die einen. Da eine Vollverschleierung zudem – von der Trägerin abgesehen – niemand anderen behindere, dürfe die aufgeklärte Gesellschaft hier nicht eingreifen. Das scheint auf den ersten Blick zwar abstrakt, aber konsequent und edel gedacht. Freiheit bedeutet immer, diese Freiheit auch abweichenden Konzepten und Lebensentwürfen zuzugestehen. Grotesk wird die Verteidigung vermeintlicher Freiheit allerdings, wenn man, wie in diesem Fall, den Unterdrückern ein stärkeres Schutzbedürfnis zugesteht als den Unterdrückten.

Ein weiteres Argument beharrt auf dem Recht jeder Frau, sich ihre Kleidung selbst zu wählen und sieht dieses Recht im sogenannten Burkaverbot verletzt. Ist es nicht grenzenlos zynisch, ein Kleidungsstück, das die Individualität der Trägerin optisch auslöscht, ausgerechnet mit dem Argument individuellen Kleidungsgeschmacks zu verteidigen? Wer hat je eine Frau in Burka auf unseren Straßen gesehen, jenem blauen Sack mit Gesichtsgitter, das afghanische Frauen in ihrer Heimat in der Öffentlichkeit verhüllt? Obwohl im Zuge der Migrationsbewegungen der letzten Jahre sehr viele afghanische Frauen und Mädchen nach Westeuropa geflüchtet sind, habe ich, trotz persönlicher Verbindungen in die Community, noch nicht eine einzige gesehen, die sich ohne den im Heimatland herrschenden Druck für die Burka entschieden hätte.

Was man hingegen sieht, sind Frauen im Niqab, die wie schwarze Vögel durch Wien, Salzburg oder Zell am See flattern, oft schwer beladen mit Einkaufstaschen aus Nobelboutiquen, deren Inhalt sie – angeblich freiwillig – ausschließlich im Familienkreis vorführen. Konsequent lautet ein häufig gehörtes Argument gegen ein Verschleierungsverbot, ob man wirklich die finanzkräftigen Touristen aus den Golfstaaten vergrämen wolle. Steht Profit zu erwarten, muss der gelernte Linksliberale sich mit moralischen Argumenten nicht mehr aufhalten. Der Kampf um Gleichberechtigung auf der arabischen Halbinsel hat zurückzutreten vor dem Geschäftsinteresse von Juwelieren, Textilhändlern und Hoteliers.

Seit der Renaissance, spätestens jedoch seit der Aufklärung basiert unsere Gesellschaft auf der Anerkennung der Individualität. Gleichheit bedeutet eine Gleichwertigkeit unterschiedlicher Individuen und Freiheit ist erst denkbar, wenn der Einzelne sich als solcher wahrnimmt und auch von anderen als Individuum wahrgenommen wird. Weitergedacht bedeutet das Recht auf Freiheit und Gleichheit aber auch die Pflicht zur Individualität. Jeder muss seine Handlungen selbst verantworten und kann sich im Nachhinein weder auf einen Befehlsnotstand noch auf einen angeblichen gesellschaftlichen Konsens berufen, das haben die NS-Prozesse hoffentlich jedem vor Augen geführt.

Das Ziel der Vollverschleierung ist es, die Individualität der Frauen auszulöschen, zumindest im öffentlichen Raum, indem man sie in wahlweise blaue oder schwarze Säcke steckt. Sie ist ein Herrschaftsinstrument des Patriarchats, dem sich, das sei zugestanden, manche Frauen möglicherweise freiwillig unterwerfen. Unter jedem Regime gibt es jene, die sich freiwillig unterwerfen, weil sie sich durch die Solidarisierung mit den Unterdrückern Vorteile oder wenigstens verringertes Leid erhoffen. Andere gehen den Weg des geringsten Widerstandes und modifizieren ihr Verhalten sobald sie eine Wahl haben. Wenige kämpfen um ihre Rechte. Nur die erste dieser Gruppen sehen wir auf unseren Straßen vollverschleiert. Sind sie es, die unseren Schutz an erster Stelle verdienen?

Ein Verbot der Vollverschleierung richtet sich ausschließlich gegen ein rückständiges Patriarchat. Es schützt die Interessen derjenigen, die zu schwach sind, um sich gegen die Auslöschung ihrer Individualität zu wehren. Einer Individualität, die ich als unerlässliche Grundlage einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft erachte.

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Rezensionen und der Tod des Autors

Es läuft gut an. In den Buchhandlungen liegt mein Buch auf Tischen gestapelt und trotz Ferienzeit und Sommerloch kann ich mich kurz nach dem Erscheinungstermin bereits über eine Rezension in einer überregionalen Qualitätszeitung freuen. In der österreichischen Presse am Sonntag (die online leider nur gegen Bezahlung zu lesen ist, deshalb hier kein Link) finde ich mich in blendender Gesellschaft der zwei attraktiven Krimi-Kapazunder Thomas Raab und Bernhard Aichner wieder.

Als ich zum Frühstückstisch komme, liegt die Zeitung bereits dort und mein Mann ist recht gedrückter Stimmung. Offenbar unterschätzt er meine Frustrationstoleranz, doch ich bin bestens vorbereitet. Glücklicherweise durch eine liebe Bekannte aus der Presse-Redaktion vorab von der Rezension informiert, konnte ich mich in zwei schlafarmen Nächten gut auf den Moment einstellen. Nicht umsonst bin ich auch an diesem Morgen lange Zeit wach im Bett gelegen und habe die unumstößliche Überzeugung aufgebaut, dass mein Buch gnadenlos verrissen wird. Ganz klar, ich werde den Artikel einfach nicht lesen.

Tue ich dann doch, nach etwa einer Minute Bedenkzeit:
Mutiger Beginn, lebensechte Protagonistin, fesselnde Geschichte ohne simple Gut-gegen-Böse-Schemata. Ich freue mich. Dass Peter Huber das Ende hat kommen sehen, wird seiner Routine als Rezensent geschuldet sein. Ich habe es zum Glück nicht kommen sehen, sonst wäre mir beim Schreiben langweilig geworden. Ein wenig überraschend die Vermutung, ich hätte Anleihen bei der „Tribute von Panem“-Trilogie genommen. Für eine weibliche Heldin, die ein diktatorisches Regime ins Wanken bringt, finden sich in der Literaturgeschichte offenbar keine anderen Beispiele. Ich interpretiere das als eindeutigen Ansporn, mehr politische, aufmüpfige Protagonistinnen in die Welt zu setzen.

Wenn ich nun nicht zufrieden gewesen wäre mit der Rezension?

Der Tod des Autors, ein Essay des Semiotikers Roland Barthes von 1968, beschreibt nicht, wie man meinen könnte, die Seelenqualen samt anschließendem Suizid eines Autors nach einer in seinen Augen wenig treffenden Kritik. Es dreht sich vielmehr um die Irrelevanz des Autors für die Entschlüsselung des fertigen Textes, dessen Bedeutung erst in der Interpretation des Lesers entsteht. Auch wenn ich Barthes These nicht in ihrer ganzen Radikalität zustimmen mag, so verschwinde ich als Autorin doch sehr gerne hinter meinem Text. Jede Geschichte soll die Sprache, die Atmosphäre, das Tempo haben, das ihr gebührt, ohne dass ein spezifisch persönlicher Stil im Vordergrund steht. Mit Vergnügen lasse ich beim Schreiben Räume offen, verweigere gelegentlich die Deutung der Geschehnisse, um den Leserinnen Platz lassen, sich selbst ihre Welt zu erschaffen.

Wenn die ihnen dann nicht zusagt, gibt es vielleicht auch mal eine schlechte Kritik. Und ich versuche, sie nicht persönlich zu nehmen. Schließlich gilt sie in der Regel nicht der Autorin, sondern dem Text, bei dessen Erschaffung die Leserin maßgeblich mitgewirkt hat. Ungemein entlastend.

Falls man rechtzeitig daran denkt. Andernfalls einfach wie üblich wüten, toben, schimpfen und den Kritikern die Pest an den Hals wünschen.

 

 

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